Im Nachtbus nach


…Sarajevo, Antwerp, Kosovo (😶)

…nein, Hamburg ZOB. Voll gut gerade. Genau mein Tempo. In derselben Zeit – nämlich 25 Stunden von Triest nach Hause – hätte ich jetzt auch noch eben schnell nach Australien fliegen können, aber das würde ich mental gar nicht gebacken kriegen. 😂 Erstmal verdauen.

Ich fahre zum ersten Mal in meinen Leben Flixbus, was sich ein bisschen so anfühlt wie Rainbowtours, nur in bequemer und besser organisiert. Irritiert haben mich die unglaublich vielen Ziele. Viele und für mein Gehirn viele ‚ungewöhnliche‘, zum Beispiel Kosovo. Nie mit beschäftigt. Wäre jetzt aber nicht die erste Destination, die mir als Urlaubs- oder sonstiges Fahrtziel einfallen würde. Ja, was ist eigentlich mit Kosovo? Was ist eigentlich mit Sarajevo? Ich musste beides erstmal googeln, nachdem ich beobachtet hatte, wieviele Menschen in Triest und Graz da in die Busse stiegen. Lange her, aber mir fiel trotzdem extrem auf, dass ‚Krieg‘ alles ist, was mir dazu einfällt.

Der gestrige Ruhetag in (passenderweise) Lazzaretto war prima, wir sind kaum gewandert – nämlich nur zum Meer, haben halbstündlich gebadet und uns etwas sortiert. Martha sich schneller als ich mich.

Gestern Nachmittag, als wir dann langsam Druckstellen bekamen – vom Herumlungern am Betonstrand – gab es beim ersten Googeln noch Heim-Flüge für 141,- Euro und mit 6 Stunden Flugzeit, beim Preise vergleichen (10 Minuten später) nur noch ab 284,- in nur 19 Stunden und mit wachsendem Cache-Speicher ab 600 Euro in 6 – 26 Stunden… und zum Flughafen Triest hätte ich auch mindestens 2 Stunden Fahrzeit gebraucht, weil der noch hinter der ‚beschaulichen‘ Industriestadt Monfalcone liegt.

Es war total schön, die letzten Tage auf dem Trail zusammen zu verbringen, die letzten rar gesäten Unterkünfte und unsere Gedanken zu teilen. Und ich bin auch nicht sicher, ob ich alleine die letzte Etappe gegangen wäre. Vielleicht, wenn ich mich weniger intensiv mit den Gründen für die Sperrung beschäftigt hätte.

Jetzt muss sich erstmal alles setzen. Wir brauchen beide etwas Alleine-Zeit. Dass der Trail wirklich zuende ist, habe ich erst in dem Moment begriffen, als ich entschieden habe, heute nach Hause zu fahren. Und dann vielleicht in Deutschland noch ein paar Tage wegzufahren, damit ich nicht den Rest meines Urlaubes mit Aufräumen, Ausmisten und Terminen verbringe.

Also Bus fahren passt irgendwie. Es ist kaum acht und schon fast dunkel. Mega praktisch, dass mein Ausgeh-Merinoshirt auch gleichzeitig mein Schlafshirt ist, so habe ich den Pyjama schon an 😉 Es ist ganz gemütlich und der Bus ist nicht so voll. Jenseits der Fenster verblassen die letzten Konturen der Berge nördlich von Graz und die langen Tunnel, durch die wir zwischendurch fahren, fühlen sich an, wie in der Zeitmaschine. Jetzt bin ich traurig. Und jetzt fängt es erst an, aufzuhören. Ich entferne mich immer weiter vom Trail. So eine lange Zeit und doch so schnell vorbei… Ich verstehe, dass ich morgen nicht bei 32 Grad in der prallen Sonne auf einen Berg steigen muss, aber dass ich durchs Ziel bin? Komisch.

Schon die letzte Etappe war für mich eine Herausforderung. Keine Ahnung, ob ich mir so viele Gedanken gemacht hätte, wenn ich alleine unterwegs gewesen wäre. Oder ob ich mir noch mehr Gedanken gemacht, oder drei Etappen vorher aufgegeben hätte. Oder ob ich den ganzen Rest in zwei Tagen ‚abgerissen‘ hätte.

Was mir bis kurz vorher überhaupt nicht klar war ist, dass die Grenze zwischen Slowenien und Italien, auf der wir die ganzen letzten Tage immer hin und her spaziert sind, DIE Flüchtlingsroute überhaupt ist.

Meine Unwissenheit und Ahnungslosigkeit diesbezüglich sorgten am letzten Wandermorgen entsprechend nochmal für reichlich Unruhe am Frühstückstisch. Martha war gelassen. Bei mir brauchte es etwas länger. In dem Moment, als wir auf dem Trail waren, war ‚alles gut‘ im Sinne von: ‚ich machte mir keine Sorgen‘. Der Trail war schön, der Wald war toll, wir trotteten größtenteils schweigend dahin. Zwei, die gerne alleine wandern, zusammen.

Auf der letzten Etappe lagen viele Klamotten, Schuhe, Tüten, Rucksäcke und andere Dinge zerwühlt in der Natur. Tausend Fragen hatte ich im Kopf. Wo kommen die Menschen her? Wie lange sind sie schon unterwegs? Warum liegen die Sachen da? Schmeißen sie die weg? Und wenn ja, warum? Oder werden sie überrascht und ‚aufgegriffen‘ und haben gar nicht die Möglichkeit, ihre letzten paar Habseligkeiten mitzunehmen? Wenn Polizei oder Militär sie auflesen: bekommen sie Hilfe? Werden sie gut behandelt? Was passiert dann mit den Menschen? (Wie) nehmen sie die Natur wahr? Kann man einen Wald schön finden, wenn man ‚auf der Flucht‘ ist? Und ist es eine Flucht oder eher ein großer Schritt in eine vielleicht bessere Zukunft? Flüchten klingt in meinen Ohren zu pauschal nach Weglaufen. Ist es ein ‚von weg‘ oder ein ‚hin zu‘? Und kann man das überhaupt trennen? Ist es Hoffnung, Verzweiflung, ein Abenteuer? Vermutlich in jedem Fall so individuell, wie die Menschen.

Zum Glück und leider sind wir im Wald nur einer Handvoll SpaziergängerInnen und JoggerInnen begegnet. Ich schätze, ich wäre wohl überrascht, welche Antworten ich von den Menschen bekommen würde, die den Wald so ganz anders queren als wir. Überfordert hätte mich eine direkte Begegnung in dem Moment aber allemal. Allerdings sind die Chancen für Touries wie uns eher gering, und die AnwohnerInnen scheinen da einen ganz simple Umgang gefunden zu haben, wie die junge Frau am Hoteltresen erzählte: Wenn wir eine(n) sehen, rufen wir die Polizei und die holen die dann ab.

Zwei- dreimal habe ich eine kleinere Gruppe von 8-12 Menschen hinter einem größeren Militärfahrzeug an einer Häuserwand aufgereiht sitzen sehen. Am Abend vorher hatte ich dasselbe Fahrzeug noch für ein aufgemotztes Privatfahrzeug gehalten und Hanfpatrouille getauft… das war, bevor ich begonnen hatte, zu begreifen… 😶‍🌫️ war ja bis dahin alles so schön weit weg gewesen…

Ha! Gerade sind wir an den Ausfahrten ‚Neue Welt‘ und ‚Neue Heimat‘ vorbei gefahren! …und nun wieder ein Tunnel…

Falls wir uns nicht mehr sehen, weil ich in irgendeiner Parallelwelt oder anderen Dimension lande: es geht mir gut! Ich krieg das hin! Immerhin bin ich den Alpe-Adria-Trail gewandert 😁


3 Antworten zu “Im Nachtbus nach”

  1. Jetzt schon auf dem Heimweg? Ich dachte du machst dir noch ne schöne Zeit in Bella Italia! Schön irgendwo an Strand mit Cocktail und leckerem Essen! 😘
    Hoffe du kommst heil und schnell zuhause an!

  2. Wow, und ZACK! Ist es schon fast wieder 1,5 Wochen her, dass du das ganze gemacht hast!
    War auch verwundert, dass du so schnell die Heimflucht angetreten hast, kenn ich sonst nur von mir 😉
    Und da ich jetzt einige Berichte am Stück gelesen habe, muss ich sagen, du kommst emotional ganz anders rüber als beim AT. Beim AT warst du fast immer zufrieden und glücklich, hier liest es sich fast anders herum, was wohl im Wesentlichen an der Menschenflut liegt, der du permanent ausgesetzt warst (und kaum einer kann das besser verstehen, als ich ;-))
    Aber trotzdem wieder ein herrlicher Blob zum Trail, man war manchmal FAST in deinem Kopf mit drin, VIELEN DANK für die tollen Bilder und noch ein großes Lob für die tolle Leistung!

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