„Unmerklich“ auf und ab


…ging es die letzten Tage. Behauptete mein schlaues Buch. Und ich wurde nicht müde, darauf herum zu reiten, besonders wenn wir zu fünft oder sechst mal wieder bergauf schnauften. Und irgendwie ging es auch nur unmerklich voran, aber plötzlich ist es schon fast vorbei.

Heute bin ich doch tatsächlich vom rechten Pfad abgekommen und war sogar in Kroatien! …wenn man meinem dubiosen Handyanbieter vertrauen möchte. Man glaubt es kaum! 😅 Die heutige Etappe von Gradisca d’Isonzo nach Duino mit einer Länge von knapp 30 Kilometern (durch Italien übrigens) sollte angeblich gesperrt sein. Allerdings ist der Brand, der ursächlich für diese Sperrung sein sollte, schon mehr als 4 Wochen her und so recherchierten Martha und ich, was wie wo genau nun wirklich gebrannt oder nicht gebrannt haben oder gesperrt worden sein sollte und kamen zu dem Entschluss, es zu versuchen. Das „Gebirge“, das auf der Alpe-Adria-Homepage genannt wurde, liegt übrigens auch in Kroatien statt in Italien, so wie scheinbar einige Persönlichkeits-Anteile meines Handys. 🤷 Sechs Autostunden von hier entfernt. Also der Name der Brandstelle stimmte schon mal nicht. Der Bereich war auch auf der Online-Karte nur grob umgrenzt, der Trail führte außerdem überwiegend drum herum und auf die Fragen anderer Wanderer in der App hatte einfach mal stumpf niemand von den Alpe-Adria-Leuten geantwortet. Wochenlang nicht. Also los.

Da mir 30 Kilometer für heute zu weit waren, spekulierte ich auf Jamiano, hatte mich aber noch nicht festgelegt. Martha wollte gucken, wie weit sie heute kommt und sich dann erst um eine Unterkunft kümmern. Ich plane ja neuerdings gerne etwas vor, hatte aber noch nichts Konkretes entdeckt.

Im ersten Gewitter ging ich ein Stück Straße statt Berg und so liefen wir heute jede unser eigenes Tempo und unseren eigenen Stil. Ich bin wirklich beeindruckt, weil Martha fast ausschließlich nach Schildern läuft, immer die coolsten Sachen entdeckt und immer heil und gut gelaunt ankommt. Da ich schon ein paarmal verloren gegangen bin, gucke ich immer mal wieder ganz gerne auf die App. So kam es vermutlich, dass wir scheinbar völlig verschiedene Routen genommen haben. Als wir gegen 17 Uhr telefonierten, erzählte sie mir von blühenden Landschaften. Ich hatte sie wohl auf dem kurzen Stück Straße überholt und bin dann den Schildern UND der App gefolgt. Während ich in einem Ort Mittag gegessen hatte, in dem sie vielleicht gar nicht vorbei gekommen ist, muss sie mich eigentlich wieder überholt haben. Die ursprüngliche Route sollte außerdem kürzer sein und an einem See vorbei führen. Nach der Pause lief ich weiter meinen riesen Kreis und kurz darauf auch wieder den Trail-Schildern hinterher. (Juhu!) Ich dachte kurz, ich würde es vielleicht doch auch bis Duino schaffen… und entdeckte den ersten verkokelten Trail.

Aber alles war alt und ob des Unwetters letzte Nacht und der reichlichen Regenfälle satt getränkt und triefend nass und somit sicher keine Gefahr, aber weiter ging es an der Stelle trotzdem nicht. Ich bog ab und lief…in die falsche Himmelsrichtung. Ich kam zurück und versuchte den Weg aus der App. Besser. Nachdem es gerade wieder so schön meditativ wurde, stand ich plötzlich vor einer riesen Baumkrone.

Vermutlich auch von gestern, aber den Spuren nach zu urteilen, waren schon Leute durchgekraxelt. Bestimmt auch Martha, dachte ich, und krabbelte hinterher. Da ich schon über 20 Kilometer durch hatte und mir die badewannenwarme Tropenhitze langsam auf die Eier ging, entschied ich mich für einen „kurzen“ Tag. Um Duino zu erreichen, hätte ich noch richtig Strecke machen müssen. Keine Lust.

links gegrillt, rechts knackig grün

Auch wenn es abseits liegt: ich fand Monfalcone irgendwie gut. Genug Unterkünfte, fußläufig erreichbar, viele Restaurants und vielleicht nicht ganz so touristenhöllenmäßig. Auf dem Trail kam ich ja schließlich nicht wirklich weiter und so konnte ich mir auch gleich meinen eigenen Weg ausdenken. Ich hatte kaum gebucht, da kam der erwähnte Anruf von Martha. Sie hätte der Touristinfo ein Zimmer aus dem Kreuz geleiert und würde nach Duino noch zwei Kilometer extra machen… Da wäre auch noch Platz in ihrem Zimmer, falls ich wollte. VIELLEICHT – wenn ich nicht über „Kroatien“ gelaufen wäre – hätte ich das eventuell schaffen können… Ist doch kacke! Da kriegt Martha den geilen Trail und ich wieder so’ne Verfall- und Verderb-Tour. Ich meine, ich habe immerhin eine ziemlich coole Burganlage gesehen, an der ich sonst nie vorbei gekommen wäre. ABER vorgestellt hatte ich mir das anders.

Nun gut. So komme ich mal wieder zum Schreiben 😁 da haben wir alle was davon. Und ich war richtig früh und richtig gut dinieren. Meinem Bauchumfang nach zu urteilen, bin ich jetzt im 4. Sushi-Monat. Da Fische natürlich schwimmen müssen, gab’s zwei japanische Bier dazu und jetzt füttere ich noch mit Schokolade nach. Hmmmmm… gutes Essen und Freundlichkeit sind unglaubliche Tröster und Stimmungsheber.

Unmerklich habe ich also die letzten Tage die Berge verlassen und diverseste Weinberge durchquert und bin jetzt fast am Meer. Voll romantisch. Und überall hing das reife Obst an den Bäumen! Da fiel mir schon ab und zu was in die Hände, das irgendwie besitzerlos aussah! Unter anderem Aprikosen, Feigen, Pflaumen, Himbeeren und Brombeeren.

Von den Trauben habe ich meistens die Finger gelassen, auch weil ‚man ja weiß‘, dass die gespritzt sind. Den einen Morgen balancierte ich gerade über ein jüngst auf den Trail gekipptes Geröllfeld, als ich Motorengeräusche hörte. Ein leichter Dunst lag in der Vormittagshitze und als ich um die Ecke kam, sah ich den Weinbauern mit seiner Sprühmaschine durch die Reihen fahren. Das Gras auf dem dann folgenden Weg glitzerte und funkelte wie taunass und kristallklar in der Sonne – von der Chemiebrühe, die da gerade auf Lebensmittel gesprüht wurde, die ich im weiteren Verlauf vielleicht eigentlich gerne mal – zum Beispiel als Rotwein – genossen hätte… und dann wundert man sich über KOPFschmerzen! Ich meine, ich wusste das ja eigentlich. Aber da zu stehen, das life mit anzusehen und nicht atmen zu wollen, fördert das Bewusstsein irgendwie nochmal anders… Ich beobachtete den leichten Wüstenhauch, den wir hatten, und wartete, bis Maschine und Wolke einen brauchbaren Abstand hatten, bevor ich flach atmend weiter ging. Trotzdem hatte ich noch lange so ein leicht ölig chemisches Gefühl im Mund. Nicht schön und bestimmt viel Einbildung, aber trotzdem auch einfach echt eklig. Aber sicher ist, dass mindestens meine Schuhe jetzt vor jeglichem Schädlingsbefall geschützt sind. Sozusagen nicht ganz unmerklich.

Gegen Mücken hilft der Rotz allerdings nicht. Oder zumindest nicht nachhaltig. Die Viecher sind so dreist oder so im Blutrausch, dass sie mir ganz gelassen ins Gesicht fliegen und mich stechen. Die ersten drei Wochen war fast nichts! Maximal ein Stich die Woche und ansonsten Ruhe. Ich wollte mein Zeug schon nach Hause schicken, aber seit Italien ist es wie verrückt. Einmal habe ich drei Minuten auf einer Bank gesessen, um eine Nachricht zu schreiben, da fingen in Sekundenbruchteilen meine Beine wie sau an zu brennen! Ich dachte schon, ich hätte vielleicht ein paar Brennnesseln übersehen, aber dabei waren es die Mücken! Bestimmt 50 Quaddeln gut verteilt auf zwei Beinrückseiten. Nachdem die Creme nicht lange schützt und ich sie mir außerdem ständig in die Augen reibe (was ich immer zuerst an dem Kühleffekt merke 😂), musste ich mir erstmal wieder Spray kaufen. Jetzt kann ich auch Wolken machen!

Wie jetzt? Eher rechts? Eher geradeaus? Oder ums Schild rum? Oder was…?

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