Nebeltag im Erkenntnisreich


Manchmal hat es auch Vorteile, wenn es so nass und neblig ist wie heute. Die Fernsicht fehlte, ich musste überhaupt keine Sorgen haben, irgendwas zu verpassen. Also landschaftlich.

Eigentlich gilt ja unter den wirklich echten, ernsthaften Fernwanderern das ungeschriebene Gesetz der connecting footsteps. Es wird nichts übersprungen und nichts ausgelassen. In Amerika hieß es auch ‚every f***ing inch‘. Ich war seinerzeit sowas von brav, ich bin nicht mal auf die Straße ausgewichen, wenn es eine gab!

Hier habe ich nun schon dreimal geschummelt! Einmal, als ich mich verlaufen hatte (Versehen), dann habe ich den einen Tag die Gondel hoch genommen (Absicht) und heute Morgen hat Frank mich direkt zum Startpunkt der heutigen Etappe gefahren (auch Absicht), weil er mich eh zum Trail bringen ‚musste‘ und da habe ich gleich Wunschkonzert bekommen. Ich habe mir von meinem Buch mal wieder Angst machen lassen, von wegen schwere Etappe und ‚oh Vorsicht‘, wenn es regnet. Also habe ich mir das Optimum überlegt und die 6 fehlenden Kilometer der vorherigen Etappe übersprungen. Frank hat’s mir, bevor er wegfuhr, (nicht ohne ein Schmunzeln) noch mal schön reingerieben, dass ich ja jetzt offiziell bescheißen würde. Damit musste ich erstmal klarkommen.

Auf jeden Fall war es die richtige Entscheidung. Wem will ich eigentlich was beweisen? Und bescheiße ich nicht mich selbst, wenn ich Stress habe, bloß weil ich verbissen jeden Zentimeter laufen ‚muss‘?!? Ich war fast euphorisch über diese Erkenntnis und bin mit ordentlichem Tempo den Berg hoch gehopst, um erstmal richtig warm zu werden. Niemand wird mir eine Medaille verleihen, wenn ich es mir extra schwer mache. Und endlich wird es immer mehr ‚my own hike‘. Wurde Zeit! 😁 Tschüss Verbissenheit.

if you’re waiting for a sign…

Dann philosophierte ich noch darüber, warum ich mich so oft verlaufe und über den Spruch, ‚wenn Du es eilig hast, gehe einen Umweg’… Ich wurde richtig kreativ und dichtete alle Sprichwörter um, die mir zu meiner Situation einfielen

  • Wenn Dir das Leben Steine in den Weg legt, trink erstmal ne Limo
  • Wenn Dir der Trail eine Abkürzung präsentiert, mache einen Umweg
  • Mit ner Pizza im Rucksack verläuft es sich leichter
  • Wenn Du es eilig hast, koch Dir nen Kaffee, setz Dich nochmal hin und schreibe ein bisschen…

Dann verpasste ich direkt den richtigen Abzweig und stand nur wenige Zeit später vor einem Klettersteig… der zwar definitiv auch in die richtige Richtung führte, aber gleichzeitig offen und gesperrt war und nur mit Sicherheitsausrüstung zu besteigen. Sicherheit? Na klar, ich habe sicherheitshalber ein Zelt und Heringe und Pflaster und Mückenschutz und Klopapier und zwei extra Unterbüxen… alles fast unbenutzt! 😂 Aber das war wohl nicht gemeint… Ich entschied mich also dagegen.

Wasserfall mit Klettersteig

…und freute mich trotz allem hin- und herlaufen über eine erneute Abkürzung, wenn auch mit extra Umweg. Ich verpasste ja nach wie vor nichts. Es war einfach nur unglaublich neblig und das sah so unglaublich schön aus! Und ich hatte das so entschieden (naja, so halb). Weil ich es kann. Ich kann einfach machen, was ich will. Das musste ich mir erstmal ein bisschen einreden. Aber was soll der ganze Quatsch mit Wandern und alleine Reisen, wenn ich nicht mache, was ich will?! Die Sache mit der Freiheit. Ich übe das…

Und wo ich schon mal dabei war, habe ich gleich nochmal das Zeltthema beleuchtet. Warum trage ich dieses Zelt mit mir herum? Ich habe mich nicht entschieden, es nach Hause zu schicken, also habe ich mich wohl automatisch dafür entschieden, es zu tragen. Und warum??? Ja, vielleicht zur Sicherheit, aber auch, weil ich es kann! Es stört mich eigentlich nicht so sehr das Gewicht, als mehr der Gedanke, dass der Rucksack ja leichter sein könnte und das wäre ja vielleicht auch noch ein bisschen perfekter… aber tatsächlich bereitet mir das Gewicht keinerlei Probleme! Ich kann das tragen und es schränkt mich ehrlich gesagt überhaupt nicht ein. Die Einschränkungen finden bloß in meinem Kopf statt!

Ich lese gerade ein Buch mit dem schönen Titel ‚der nächste beste Schritt‘ und die Verfasserin geht mir manchmal soooo auf den Sack mit ihren ganzen Erkenntnissen! Ich kann mich herrlich an ihr spiegeln. Sie schreibt ständig „Wow, die Erkenntnisse musste ich erstmal verarbeiten…“ und so was und ich krieg dann immer so einen leichten Brechreiz und entwickle Fremdscham und dann denke ich mir, pfff das kann ich auch. Erkenntnisse haben und dann andere damit belästigen, ohne mich zu schämen. Weil, eigentlich mag ich sie und das Buch und ihre Entwicklung und dann freue mich immer über ihre Begeisterung…

Und dann habe ich ganz viele Dinge getan die mich begeistern. Fotos schießen zum Beispiel, rumtrödeln, und Nebel anglotzen. Ich konnte mich an diesem Nebel nicht satt sehen!

Und dann fiel mir noch ein, was mir beim Laufen immer wieder einfällt, dass ich unglaublich viel mit Tieren zu tun habe. Ich als große Hundeschisserin laufe ständig in Hunde. Den einen Tag kam einer mit ziemlich Karacho laut bellend und zähnefletschend auf mich zu gerannt. Ich blieb also stehen und wartete darauf, gefressen zu werden, während er sich schwanzwedelnd um meine Beine drückte und verlangte, gestreichelt zu werden, wobei er mich fast umschubste. Jedesmal wenn ich irgendetwas sagte, kroch er mir fast ins Gesicht, als würde er mich dann besser verstehen. Also hielt ich den Mund, weil ich immer noch Angst vor seinen gefletschten Zähnen hatte 😂

Von den Murmeltieren bin ich nach wie vor entzückt und die Kühe, die ich zuletzt getroffen habe, waren auch alle friedlich. Heute wäre ich fast auf eine Kröte getreten und ansonsten habe ich noch Lamas, Alpakas, Strauße, Ziegen, Schafe und mir unbekannte Vögel entdecken können. Es ist so komisch, ich freu mich jedesmal wie blöde, egal wie die Stimmung gerade ist. Ein Tier, und ich werde ganz weich.

So… und nun ist es ja auch schon wieder sooo spät und morgen soll schon wieder sooo eine schwere Etappe sein…

Hoffentlich ist morgen wieder Wetter. Gestern kam ein älterer Herr mit seinem Fahrrad an mir vorbei geschoben und fragte „Und? Geht’s Dir gut?“ Ich war ganz überrascht. Als wenn wir uns öfter begegneten. Und dann dieses ‚Du’… so ungewohnt. „Ja, und selbst?“ Er zeigte nach oben und meinte „Das Wetter geht auch nicht weg.“ Ich musste lachen und er schob weiter.


2 Antworten zu “Nebeltag im Erkenntnisreich”

  1. Erkenntnisse, die einem irgendwie auf den Kopf fallen … immer wieder großartig (und manchmal anstrengend).
    Hab weiter eine tolle Zeit und genieß das Wetter (geht ja auch nicht weg ;o) und Deinen Trip!

  2. Hey, der Nebel ist doch noch überschaubar. Zum Abschluss unseres Bayern Urlaubs waren wir auf der Zugspitze (nein, nicht zu Fuß) und oben angekommen, konnten wir nicht mal die Hand vor Augen sehen. Also, von daher, genieße das Wetter, ob mit oder ohne Nebel, und Lauf schön weiter. Gruß und Kuss

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