Ich höre Stimmen


…und Geräusche. Aus Hosen zum Beispiel. An dem Tag, als ich mit den Flensburgern unterwegs war, ertönte aus (ich meine es war) Kalles Hosentasche regelmäßig Anweisungen. Noch 110 m geradeaus. Noch 5 m geradeaus. Nach 250 m rechts abbiegen. Die Stimme sagte auch nicht ‚Meter‘, sondern ‚m‘. Noch 20 m geradeaus.

Ich musste sehr lachen über die sprechende Hose, aber nun laufe ich auch öfter mit der App. Allerdings saugt das tierisch Akku. Ich habe den Ton extra ganz leise gedreht, aber manchmal höre ich sie trotzdem von schräg unten. Meine sprechende Hose.

Heute morgen am Frühstückstisch saß links neben mir eine Familie mit einer zweijährigen Tochter und dem viereinhalb jährigen Sohn. Ich weiß das, weil ich nicht weghören konnte. Und ich habe es wirklich versucht. Die Frau redete ununterbrochen auf das Mädchen ein. Willst du dies essen, willst du das essen, du musst was essen, sitz mal still, nein du bleibst da jetzt sitzen, dein Bruder Max hat in deinem Alter schon ganz brav still gesessen, nicht wahr Max, als du zwei warst, hast du immer ganz brav und artig still gesessen, Max jetzt sitz mal still, die Lilli macht dir sonst alles nach, Lilli willst du Waffel essen, iss mal die Waffel (sie stopfte dem Kind Waffelstücke in den Mund), guck mal der Papa hat Dir extra Zucker drauf getan, lass mich das mal machen, das kannst Du noch nicht….

Ich war schon vom Weghören überfordert. Zum Glück gab’s Buffet, da konnte ich öfters aufstehen. Kaum saß ich wieder hörte ich diese blechernen Stimmen. Wann war denn das passiert? In den 20 Sekunden die ich weg war? Beide Kinder hatten Handys mit Filmchen vor der Nase. Altersgemäß unterschiedlich natürlich. Man konnte nichts verstehen. Nur das Durcheinander aus den Handys, dazwischen die Frau, du isst jetzt, und sitzt still, oder willst du malen, ich hol was zu malen, hier hast du Stifte und jetzt wird was gegessen, man kommt hier zu gar nichts, willst du nicht malen, dann wird eben nicht gemalt… Währenddessen stopfte sie weiter Waffelstücke in das Kind, das aber eigentlich lieber aus dem Hochstuhl aufstehen wollte. Der Mann hingegen wirkte ganz entspannt, frühstückte vor sich hin, hielt sich raus oder holte Haferflocken, wenn Haferflocken gewünscht wurden. Puh!

Am Tisch gegenüber ging es lustiger zu. Es wurde über’s Essen philosophiert und ausprobiert. Die Tochter lief fröhlich im Pyjama herum und zwischendurch aß sie das, was sie heute am liebsten mochte. Wassermelone. Das mitzubekommen war ein angenehmer Ausgleich. Menschen sind eben unterschiedlich. Aber wenn ich die Wahl hätte, wäre ich das Mädchen im Pyjama. 😉

Aber eigentlich wollte ich was anderes erzählen. Ich erinnere mich im Nachhinein nicht mehr ganz genau, was zwischen dem Frühstück und dem heutigen – ich nenne es mal Höhepunkt – so richtig los war. Es ging erwartungsgemäß bergauf. Bergauf. Bergauf.

Der Tag fing gut an…
…mit Kletterern (ich hörte Stimmen;))…
…und einem Murmeltier 🙂
Der erste ‚Höhepunkt‘ des Tages

Zwischendrin ein Murmeltier (süüüß!) Und wieder über einen Weidezaun.

Ehlich gesagt ist das hier glaube ich alles irgendwie eine Weide und die Zäune sind nur Deko. Oder damit die Viecher nicht ständig durcheinander geraten. Ich dachte anfangs, ich betrete eine Weide und dann verlasse ich sie wieder… aber ich klettere über Treppen und quetsche mich durch Winkel und öffne und schließe Tore, gefühlt alle 10 Minuten…von Weide zu Weide zu Weide…

Heute nicht. Ein vorerst letzter Zaunübertritt und da war der erste und letzte Gipfel des Tages schon am Horizont zu sehen. Endlose, zaunlose Weite. Danach würde es fast nur noch bergab gehen. Darauf freute ich mich schon, ich wollte es gemütlich angehen lassen.

Links von mir lagerten ebenfalls gemütlich ein paar Kühe, ich dackelte drauflos. Seit gestern bin ich wieder etwas entspannter, was das Weidevieh angeht. Vor meiner Nase wurde nämlich eine Herde den Trail hochgetrieben. Ich hielt Abstand und als sie in sicherer Entfernung waren, zog ich nach. Sie verschwanden hinter einer Kurve, ich ging zügig hinterher. Plötzlich kam mir genau aus der besagten Kurve ein Bulle entgegen gelaufen. Von oben hörte ich nur die Stimmen, er haut ab! Er ist umgedreht! Ach der kommt schon wieder! Ach ja? Das Tier rannte auf mich zu. Stoppte perplex und überlegte vermutlich, wer von uns beiden stärker ist. Er drehte bei und verschwand erneut hinter der Kurve. (Siekst, wos hobi gsagt. Der kimmt wieda.)

Ach ja? Ich glaube er hatte nur Anlauf genommen… Sekunden später kam er im Schweinsgalopp schon wieder um die Ecke und direkt auf mich zu. Ich brachte nur noch ein stakkatoartiges „o- o- o- o- o- o- o- o- was für eine Scheißidee!“ hervor. Keine Ahnung, wer von uns mehr Angst hatte, jedenfalls stoppte er vor mir, drehte erneut bei und verschwand endlich in Richtung Herde. Puh!

Also bin ich jetzt wohl Profi, dachte ich mir heute morgen. Ich machte extra einen Bogen um die Tiere auf dieser endlosen Weide, aber irgendwie hatte ich heute ihre besondere Aufmerksamkeit.

Das ist erst der Anfang…

Am Ende der Kuppe hörte ich lautes und in meinen Ohren verzweifelt klingendes Muhen. Es klang fast heiser, und in ununterbrochen aufsteigender Tonlage muh!muh!muh!… ich fragte mich, ob einer Kuh etwas passiert sein könnte (vielleicht ist sie abgestürzt) und wen ich dann wohl anrufen müsste? 112? Oder die Bergrettung? Wohl nicht, aber 112 ginge vielleicht…

Die erste Kuh sprang auf und schaute. Ich versuchte, ruhigere Bewegungen zu machen und den Abstand zu vergrößern. Die nächsten drei sprangen auf und schauten. Die erste Kuh muhte. muh!muh!muh!… kam es aus der anderen Richtung. Also zurück konnte ich jetzt auf keinen Fall mehr. muh!muh!muh!… vorwärts aber auch nicht so richtig… Zack, zack, zack sprang eine Kuh nach der anderen auf. Die erste setzte sich in Bewegung…in meine Richtung! Ich versuchte den Trick mit dem Wegschleichen nochmal. Die Kühe gaben Gas. Ich schlich schneller. Die Kühe kamen näher. Bimmel, bimmel, bimmel, Muh! von hinten, muh!muh!muh!…von vorne. Jetzt konnte ich ihn sehen. Die mutmaßlich ‚verzweifelte‘ Kuh war war ein Stier und stand genau dort, wo der Trail lang lief.

Ich vergrößerte meinen Radius und dachte, weiter unten verlieren die Kühe mich vielleicht aus dem Blick… hahaha auf fünf Meter Entfernung 😂

Fuck! Die Glocken wurden lauter. Es wurde gerölliger, ich konnte das unter dem Gras gar nicht so richtig erkennen aber ich bekam langsam richtig Angst und rannte los. Die Kühe hinterher und verdammt, die sind wesentlich geländegängiger als ich! Drei Schritte sprang ich und als die Kühe immer näher kamen, stolperte ich und purzelte durchs Geröll, wo ich in unvorteilhafter Pose zwischen dicken Grasbüscheln zu liegen kam. Oh, ohhh… Die Kühe waren wohl ebenfalls kurz irritiert. Ich hatte Angst. Ich hatte richtig Angst. „Ja, du hast Angst“, hörte ich die freundliche Stimme von unserem Trainer Frank in meinem Hinterkopf… „Lass Dich das mal spüren! Wie fühlt sich das an?“

ECHT JETZT? In dem Moment wo es mir mit voller Breitseite bewusst wurde, fing mein ganzer Körper an zu zittern. Alle Kraft wich aus meinem Körper. Ich hing im Geröll, konnte kaum stehen und spürte meiner Angst nach…

Es kam wieder Leben in die Herde, von hinten wurde gedrängelt und die erste Kuh kam zum Schnuppern näher. Alle kamen näher. muh!muh!muh!… machte der Bulle unablässig. Kühe wegjagen funktionierte nicht. Schimpfen funktionierte nicht. Reden funktionierte nicht. Stock hatte ich im Rucksack. Nicht dass ich in der Lage gewesen wäre, eine Kuh zu hauen. Ich wollte weg!

Ich setze mich also wieder in Bewegung und steuerte den gerölligen Gipfel an. Die Kühe hinterher. Hätte ich nicht so viel Angst gehabt, wäre es vielleicht lustig gewesen. Ich bin mir sicher, die Tiere hätten irgendwann das Interesse an mir verloren. So aber versuchte ich so ruhig zu gehen, dass die Kühe nicht in Galopp verfielen und erst auf den letzten Metern legte ich den Sprint meines Lebens hin. Ich stolperte mit einem Affenzahn durch die Felsen und versuchte so schnell wie möglich außer Sicht zu kommen.

Der rettende Felsen/ Geröllhaufen /Gipfel

Hinter dem Felsen war es ganz schön… aber ich hatte nur wenig Ruhe. Vielleicht reagieren Kühe doch auf rot? Schnell tauschte ich meine fancy Leggins gegen die Shorts und zog die Fleecejacke aus. Sowieso viel zu warm nach dem Stress. Jenseits der Felsen sah ich die ersten drei Kühe schon wieder Gras fressend und die Ecke schlendern…

Zeit für mich, zu gehen! Ganz, ganz dringend und ganz, ganz unauffällig. Hat zum Glück geklappt. Schade, dass ich da oben nicht noch ein bisschen sitzen konnte…

Und ich brauche definitiv mehr Wissen über Kühe…

Danach wurde es wesentlich ruhiger und entspannter. Ich ging hauptsächlich durch Wald und nutzte die zeitweise Totenstille für eine kurze Pause auf einer Lichtung und organisierte mir ein Pensionszimmer. Ein Anruf! Am liebsten bitte immer so!

Ein Zaun wäre schön gewesen
Echte Enten 😀
Die Speick Skulptur
Laktoseintoleranz??? Ich brauch das jetzt! 🙂

Wie nennt man das jetzt eigentlich?Muhkuhphobie? 😅

Ich werde auf jeden Fall heute Nacht gut schlafen! 🤤


6 Antworten zu “Ich höre Stimmen”

  1. 😂 wie cool!! Hast mich am frühen Morgen schön zum Lachen gebracht!! Die Kühe sind bestimmt nur neugierig und wollen gestreichelt werden! 😉
    Liebe Grüße und einen schönen Tag heute 😘

    • Wunderbar 😂 ich habe mit der Story in der Pension auch schon für Gelächter gesorgt. Der Wirt sagt, ich darf die Kühe nicht angucken 🥸 Das wollte ich heute ausprobieren, aber die Tiere waren nicht interessiert… 🤭

  2. ich saß vor einigen Jahren wohl auf „Flockes“ Lieblingswiese, so dass sie bergauf mit gesenkten Hörnern auf mich zu kam und ich die Flucht angetreten habe.
    Ein paar Tage später hatte ich dann auf einer Alm für ca. 1,5 Std. „Gretas“ warmen Atem im Nacken, die aber anscheinend nur unsere Gesellschaft genoss.
    ja – ich erinnere mich auch nach über 15 Jahren noch an die Namen auf den Ohrmarken der Kühe, denn sie waren wirklich beeindruckend!!
    ich bin gespannt, ob nicht-in-die-Augen-gucken hilft 🫣

    • 😂 sehr schön!

      Da stehen auch Namen drauf, auf den Ohrmarken? Dann muss ich nochmal zurück und gucken! 🤭

      Hm ja, ich gucke jetzt immer demonstrativ in die andere Richtung und summe Lieder. Aber die Kühe, die ich noch getroffen habe, waren eh viel entspannter. Ich glaube, die Gang auf dem Berg war schon überdurchschnittlich neugierig 🤭

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